Der Weise Ramana Maharshi und die Wahrnehmung

des

ICH-BIN Bewusstseins



Rudolf Steiner verwies immer wieder auf die Bedeutung des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts, auf die Veränderung geistiger Verhältnisse innerhalb der Erdatmosphäre, welche für die weitere Menschheitsentwicklung von größter Bedeutung sei und nennt in diesem Zusammenhang das Jahr 1909, ab dem es verstärkt möglich sein wird, dem Christus, wenn er gesucht wird, nahe zu sein.
Diese Aussage Rudolf Steiners wird durch den indischen Weisen Sri Ramana Maharshi, der weit über Indien hinaus Gehör fand, bestätigt.

Venkataraman, so der eigentliche Name des Maharshi, wurde im Jahre 1879 in Südindien geboren. Eines Tages spürte er ohne einen ersichtlichen Grund, dass er nun sterben müsse. So ahmte er die Sterbeszene nach, indem er sich hinlegte und sich dieser Empfindung hingab. Doch mit erhöhtem Bewusstsein suchte er denjenigen in sich, der nun sterben würde. Er erlebte das Sterben in seiner ganzen Bedeutung und erkannte das ICH, welches, losgelöst vom Körper, nicht vom Tod berührt wird. Er machte die Erfahrung des reinen »ICH BIN«.
Im Jahre 1896 machte sich Venkataraman auf den Weg zu dem heiligen Berg Arunachala. Er verließ seine Familie und Freunde im Alter von sechzehn Jahren, um seine Erfahrung zur Reife zu bringen. In den Jahren der Zurückgezogenheit entfaltete sich ein solcher Friede um ihn, dass viele Menschen zu ihm kamen. Es bildete sich mit der Zeit ein Ashram, in dem Maharshi die Menschen lehrte, dass die Aussage »ICH BIN der ICH BIN« am besten dasjenige ausdrücke, was er zu vermitteln suche.
Aus aller Welt kamen Menschen, um in seiner Nähe zu sein. So kam eines Tages Dr. Hasso von Veltheim-Ostrau, der sich als einen persönlichen Schüler Rudolf Steiners verstand, zu Maharshi, der soeben aus dem Samadhi erwachte und ihn aufforderte: »Sie haben Fragen für mich aufgeschrieben, holen Sie Ihren Zettel hervor, und beginnen Sie etwa auf der Mitte der zweiten Seite.« An der angegebenen Stelle stand folgende Frage: »Haben Sie einige Jahrzehnte vor oder während Ihrer und meiner Lebenszeit eine besonders markante Veränderung in der seelisch-geistigen Atmosphäre unserer Erde - diese aufgefaßt als einen lebendigen Organismus - wahrgenommen? Wenn ja, wann zum ersten Male, oder seit wann ist eine solche Veränderung feststellbar? Ist diese Veränderung etwas gänzlich Neues oder ist sie eine Wiederkehr eines schon einmal Stattgefundenen?« Bei den letzten Worten ging der Maharshi in ein vielleicht nur fünf Sekunden dauerndes Samadhi über, worauf er sehr ernst antwortete: »Ja, Sie haben recht, wir meinen dasselbe; das Ereignis, nach welchem Sie fragen, hat 1909 stattgefunden. In dieser Form und innerhalb der Atmosphäre der Erde sich abspielend, ist es etwas ganz Neues, noch nie Dagewesenes. Es wird viele Generationen anhalten, alles verändern und dann wieder als etwas Einmaliges verschwinden.«
1 Darauf ging Maharshi erneut in Samadhi über.
Wir wollen die Aussage Rudolf Steiners wiederholen: »Und der Okkultist kann geradezu darauf hindeuten, wie seit dem Jahre 1909 ungefähr in deutlich vernehmbarer Weise sich vorbereitet dasjenige, was da kommen soll; dass wir seit dem Jahre 1909 innerlich in einer ganz besonderen Zeit leben. Und es ist heute möglich, wenn es nur gesucht wird, dem Christus ganz nahe zu sein, den Christus in ganz anderer Art zu finden, als ihn frühere Zeiten gefunden haben.«
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Sowohl Rudolf Steiner aus dem Westen als auch Maharshi aus dem Osten, weisen auf das Jahr 1909 hin, ab dem deutlich wahrnehmbar eine Veränderung in der geistigen Atmosphäre der Erde stattgefunden hat. Vielen Generationen wird eine Kraft spürbar sein, die die gesellschaftlichen Strukturen verändern wird, die Rudolf Steiner aus der westlich-christlichen Tradition mit dem Namen Christus verbindet.
Die Menschen um Veltheim waren über diese Frage und Antwort des Maharshi sehr verwundert und verwirrt. Und Maharshi antwortete nicht nur mit Worten, denn Veltheim berichtet weiter, dass er sich, als der Maharshi ihn aus dem Bewusstseinszustand des Samadhi anschaute, in einen körperlosen Zustand versetzt fühlte, in dem die gewohnte Zeit ihre Bedeutung verlor. Das Gefühl des sich Ausweitens und Lichterwerdens wurde durch eine ungewohnte Gedankenklarheit begleitet. Und als Veltheim aus diesem Bewusstseinszustand heraus den Maharshi anschaute, nahm er wahr, wie dessen Körper heller und heller zu werden begann, bis er ganz von Innen erleuchtet war.
So ließ Maharshi Veltheim seinen Lichtleib, den Ätherleib, schauen, nachdem er ihn nach einem Ereignis fragte, das mit der Christus-Wesenheit, mit dem Erscheinen des Christus im Ätherischen zusammenhängt.
Als der Heilige nach Jahren schwer erkrankte, die Menschen um sein Leben bangten und gegen seinen Willen Ärzte holten, sagte er: »Man sagt, ich würde sterben. Aber ich gehe nicht fort. Wohin sollte ich gehen? Ich bin hier.«
Jahre nach dem Tod Maharshis kommt ein Suchender aus Mitteleuropa zu diesem Ort, der die Aussage Maharshis bewahrheitet finden sollte. Es ist Carl Friedrich von Weizsäcker, der am Ende seines Buches »Der Garten des Menschlichen« berichtet, wie ihn vor zwanzig Jahren ein Besucher bat, er möge, um der hochnotwendigen Verbindung zwischen östlicher Weisheit und westlicher Wissenschaft willen den Kontakt mit bestimmten indischen Weisen suchen. Zu dieser Zeit antwortete Carl Friedrich von Weizsäcker, dass er noch nicht die Reife in sich spüre, dieser Forderung nachzukommen, doch sei er von der Wahrheit der indischen Lehre überzeugt, und gehe davon aus, dass er, wenn die Zeit reif wäre, diesen Weisen begegnen würde.
Im Jahre 1969 kam Friedrich von Weizsäcker nach Indien und besuchte den Ashram des Maharshi, der die Menschen, die zu ihm kamen, lehrte, zu fragen: »Wer ist denn, der fragt: wer bin ich?« um sie auf den ewigen Anteil in ihnen selbst zu führen. »Der Leser möge entschuldigen«, schreibt Carl Friedrich von Weizsäcker, »… dass ich das, was nicht zu schildern ist, nicht eigentlich schildere, und doch davon spreche; denn andernfalls hätte ich diesen Lebensbericht nicht beginnen dürfen. Als ich die Schuhe ausgezogen hatte und im Ashram vor das Grab des Maharshi trat, wußte ich im Blitz: ›Ja, das ist es.‹ Eigentlich waren schon alle Fragen beantwortet. … Das Wissen war da, und in einer halben Stunde war alles geschehen. Ich nahm die Umwelt noch wahr, den harten Sitz, die surrenden Moskitos, das Licht auf den Steinen. Aber im Flug waren die Schichten, die Zwiebelschalen durchstoßen, die durch Worte nur anzudeuten sind: ›Du‹ - ›Ich‹ - ›Ja‹. Tränen der Seligkeit. Seligkeit ohne Tränen.
Ganz behutsam ließ die Erfahrung mich zur Erde zurück. Ich wusste, welche Liebe der Sinn der irdischen Liebe ist. Ich wusste alle Gefahren, alle Schrecken, aber in dieser Erfahrung waren sie keine Schrecken. Sollte ich nun immer hier bleiben? Ich sah mich wie eine Metallkugel, die auf eine blanke Metallfläche fällt und nach der Berührung eines Augenblicks zurückspringt, woher sie kam. Ich war jetzt ein völlig anderer geworden: der, der ich immer gewesen war ... Mit unendlicher Sanftheit verließ mich langsam die Erfahrung in den kommenden Tagen und Wochen. Ihre Substanz ist immer bei mir.«
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Die Weisen sind ihrer Kultur, in der sie leben, verpflichtet, doch können wir sowohl im Westen als auch im Osten Impulse zur Umwandlung der Gesellschaft erkennen, in denen sich der kosmische Christus offenbart, wenn auch noch kein gemeinsamer, »Name« gefunden ist. So sehen wir den Christus in der ganzen Atmosphäre der Erde wirken.

Rudolf Steiner, der sich der mitteleuropäischen Suche nach der göttlichen Sophia verpflichtet wusste, sprach im Jahre 1909, dem Jahr, das sowohl er als auch Maharshi als den Zeitraum angeben, ab dem etwas Außergewöhnliches zu wirken beginnt, die folgenden Worte: »Wollen wir also nicht nur des Christus teilhaftig werden, sondern wollen wir den Christus verstehen, dann müssen wir nicht nur bequem hinblicken darauf, was der Christus für uns getan hat, sondern dann müssen wir bei allen Lehrern des Westens und des Ostens in die Schule gehen, und es muss uns ein Heiliges sein, die Lehren des ganzen Blickkreises uns anzueignen; und das andere Heilige muss uns sein, diese Lehren so zu verwenden, dass wir durch die höchsten Lehren den Christus vollständig begreifen.«4

Aus dem Buch: Mit einem erweiterten Christusverständnis ins 21 Jahrhundert,
eine Synthese von Christentum und Buddhismus
von Zoran Perowanowitsch

1 Hans Hasso von Veltheim, Der Atem Indiens, Hamburg 1955, S. 263.
2 Rudolf Steiner, Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha, Dornach 1982, S. 30.
3 Carl Friedrich von Weizsäcker, Der garten des Menschlichen, München 1978.
4 Rudolf Steiner, Der Orient im Lichte des Okzidents, Dornach 1982, S. 188.


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