Vor dem zweiten Tor des Herzens

Teil II

Zoran Perowanowitsch versucht aus einer christlichen Spiritualität heraus eine Auseinandersetzung mit KenWilbers Erfahrung und Verständnis des Bewusstseins. Der erste Teil (‹Goetheanum› Nr. 4/2010) widmete sich den Enstprechungen, der zweite Teil arbeitet Unterschiede zwischen Ken Wilbers spirituellem Verständnis und jenem einer christlichen Esoterik heraus.
Ken Wilber versteht das reine Bewusstsein jenseits der Dualität, in dem keine Objekte mehr aufsteigen, als die höchste Wirklichkeit, die er auch als Gott bezeichnet. Für die Rosenkreuzer ist die intuitive Erfahrung des Bewusstseins die Ebene der ‹Kosmischen Jungfrau Sophia›, die als ‹Heiliger Geist›, vom göttlichen Standpunkt aus, das zweite Angesicht der Trinität bildet. Von Rudolf Steiner wird diese Ebene als ‹Geistselbst› bezeichnet. Wir erinnern uns, dass Wilber eben-falls den Begriff «Geist selbst» verwendet, wenn er vom reinen kosmischen Bewusstsein spricht.

Die Frage nach der Auslegung
Aber wie kommt es dazu, dass Wilber aus dieser Erfahrung vermeint schließen zu können, «dass wir zu Recht von der ‹transzendierenden Einheit der Religionen› und der Einmütigkeit der ursprünglichen Wahrheit sprechen können». Wie kommt es zu einer solchen Bewertung?
Obwohl Ken Wilber den Anspruch einer integralen Sichtweise vertritt, kann er als Mensch nicht frei von einem eingenommenen Standpunkt in Bezug auf Sichtweise, Verständnis und Zuordnung sein. Wilbers geistige Wurzeln liegen in der östlichen Spiritualität, besonders was seine Meditationspraxis betrifft: im Zen-Buddhismus. Dieser eingenommene Standpunkt ist in all seinen Büchern als Hintergrund seiner Weltbetrachtung zu erkennen und wird dadurch, dass er alle Richtungen behandelt, nicht aufgehoben. Ein weiterer Gesichtspunkt ist, dass wir – obwohl wir das Bewusstsein intuitiv jenseits des Saturns, des Hauptes, realisieren – darin dennoch nur ein ‹Tor› der Bewusst-seinsentfaltung durchschritten haben, das uns dann zu der kosmischen Entsprechung des Hauptes selbst führt.
Wilber spricht davon, wie im kosmischen Bewusstseinsraum, mit dem er sich im ‹Geist› identisch erlebt, die Galaxien entstehen und vergehen. Überhaupt scheint es, als ob man mit Wilber in ein großes kosmisches Haupt hineinschaute. Dieses sind wir zwar selbst, erfahren uns aber in ihm, wie in unserem eigenen Haupt, vollkommen alleine. In der Leere des Hauptes entstehen und vergehen unsere Gedanken, im Kosmos entstehen und vergehen die kosmischen ‹Gedanken› Gottes; diese werden wir als ‹Zeuge› zwar gewahr, können sie jedoch auf dieser Ebene weder in ihrer sie bildenden Wesenheit noch in ihrem sie wollenden Willen erfassen!
So liegt aus dem Verständnis der christlichen Spiritualität in einer solchen Erfahrung – wie unermesslich erhaben sie auch sein mag – erst die Voraussetzung, sich der nächsthöheren Ebene, dem Christuswesen als der Schöpfungskraft selbst, zu nähern.
Ken Wilber ist der Meinung, dass jeder Mensch, unabhängig von seinen moralischen Voraussetzungen, die von ihm beschriebene Erleuchtung erfahren kann. Im Gegensatz dazu ist eine Annäherung an die nächsthöhere Ebene des Christus unmittelbar mit einer grundlegenden Umwandlung des Menschen verbunden. Erst auf dieser Ebene erschließt sich uns der Sinn des Werdens. Aus seinem Erleuchtungserlebnis heraus versteht Wilber die Schöpfung als das Ergebnis eines sich langweilenden Gottes, der zu seiner Unterhaltung die polare Welt von Leid und Glück hervorbringt.1 Das würde bedeuten, dass der Mensch die polare Welt zu überwinden sucht, um den einen Gott zu finden, der wiederum aus Langeweile die polare Welt erschafft. Diese Vorstellung zeigt auf, dass wir den ‹Sinn› nicht auf dieser Ebene des Bewusstseins finden können.

Christus, der Sohn Gottes
Da Wilber die Ebene des Christus, in der sich uns der Sinn zu erschließen beginnt, offensichtlich nicht kennt, kann er auch der Bedeutung des Christus als Sohn Gottes nicht gerecht werden. Die Rosenkreuzerweisheit vermag dem Mysterium der Menschwerdung des Göttlichen näher zu kommen, indem sie mit einer erweiterten Sichtweise die Evolution der Erde betrachtet. In ihr lebt die Schauung, dass, wenn der ‹Göttliche Punkt› in seiner Ausatmung
die größte ‹Gottesferne› erreicht hat, ‹Er› als ‹Ich› wiederum im Umraum aufleuchtet. So betrachtet die Rosenkreuzerweisheit das göttliche Licht, wie es auf dem
Weg der Involution in seiner größten Verdichtung, im Menschensohn Jesus, für alle Menschen als das Christus-Ich aufleuchtet. Dadurch wird erst der Erlösungsprozess der Erde, deren Verwandlung zu einer neuen Sonne und deren Rückführung in dem Evolutionsprozess zum Göttlichen hin, eingeleitet. Alles, was mit diesem Ereignis, das nicht nur ein individuelles, sondern ein die ganze Erde betreffendes ist, zusammenhängt, bildet eine der tiefsten Weisheiten der christlichen Spiritualität.
Ken Wilber kommt diesem Verstehen in der folgenden Antwort, die er auf eine Frage gibt, am nächsten: «Ich will Ihnen sagen, was ich glaube. Für mich sind die Weisen die wachsende Spitze des geheimen Impulses der Evolution. Für mich sind sie die Speerspitze des Drangs zur Selbsttranszedenz, die immer über dasjenige hinausgeht, was vorher war […] Ich glaube, dass sie auf einem Lichtstrahl sitzen, der der Begegnung mit Gott entgegeneilt.»2
Wilber kommt mit dieser Anschauung der christlichen Spiritualität nahe, in der wir zuerst das Bewusstsein, die Sophia, suchen müssen, um uns durch die darin gewonnene Weisheit mit dem Licht des Christus zu durchdringen, das uns dann zum Vater zu führen vermag. In Wilbers weiteren Ausführungen bekommt man jedoch den Eindruck, dass er diese zwei zuvor angesprochenen Ebenen in ihrer Qualität und ihrem Verhältnis zueinander nicht ausreichend differenziert: «Du erkennst dein eigenes wahres Anlitz im Spiegel des Kosmos selbst : Deine Identität ist wahrhaftig das Weltall, und du bist nicht mehr Teil dieses Stroms, du bist dieser Strom in einem Weltall, das sich nicht um dich, sondern in dir entfaltet [...]. Es gibt hier kein endgültiges Ganzes mehr, nur einen endlosen Prozess, und du bist die Öffnung, die Lichtung oder die reine Leerheit, in der sich der ganze Prozess entfaltet – endlos, wunderbar, unaufhörlich, leicht. Das ganze Spiel ist ausgelöscht, dieser Alptraum der Evolution, und du bist genau da, wo du vor Beginn dieser Show warst. Im Schock der plötzlichen Erkenntnis des ganz Offensichtlichen siehst du dein eigenes ursprüngliches Antlitz, das Antlitz, das du vor dem Urknall hattest, das Antlitz der äußersten Leerheit, die als die ganze Schöpfung lächelt und als der ganze Kosmos singt – und all dies ist in diesem Urerkennen ausgelöscht, und es bleibt nichts zurück als das Lächeln und die Spiegelung des Mondes auf einem stillen Teich, tief in einer kristallklaren Nacht.»3
So kommt Wilber schließlich doch immer wieder auf die Vorstellung des Bewusstseins als letztem Grund zurück. Doch wie das Meer den Lebensraum bildet, so legt der einfallende Lichtstrahl den Keim zum Leben: In der Abbildung 1 des grünen Löwens erkennen wir das von Wilber benutzte Bild wieder: «und es bleibt nichts zurück als das Lächeln und die Spiegelung des Mondes auf einem stillen Teich». Die Rosenkreuzer drücken darin das gleiche Erleben, jedoch mit einem erweiterten Verständnis, aus. Für sie ist das reine Bewusstsein, das sich als Mond, dem Symbol der Raumesweisheit, im stillen Wasser spiegelt, nicht der letzte Grund. Es ist erst die Voraussetzung, um sich mit dem Christuslicht zu vereinen, was durch den die Sonne verschlingenden grünen Löwen des Werdens dargestellt wird. Die Weisen (Mond) suchen in der inneren Durchdringung mit dem Christuslicht (Sonne) eine tiefgreifende Umwandlung, damit sie, wie Wilber glaubt, «auf einem Lichtstrahl sitzen, der der Begegnung mit Gott entgegeneilt.»

Sei Weib, nicht nur Jungfrau!
Auch bei Meister Eckehart (den Ken Wilber immer wieder in seinen Büchern, sowohl in Bezug auf denWeg des Entwerdens als auch auf die daraus hervorgehende Realisierung der Sphäre der Ungeborenheit der jungfräulichen Unberührtheit des Bewusstseins zitiert) geht der Weg weiter. So bezeichnet Eckehart einen solchen Menschen – «der von allen fremden Bildern ledig ist, so ledig, wie er war, da er noch nicht war» – nicht wie Wilber als den ‹einen Gott›, sondern als ‹Jungfrau›, die den Christus empfängt! Meister Eckehart versteht also das Bewusstsein nicht als ein Ziel, an dem man verweilen sollte. Denn sollte der Mensch das tun, «so käme keine Frucht von ihm. Soll er fruchtbar werden, so ist es notwendig, dass er Weib sei. ‹Weib› ist der edelste Name, den man der Seele zulegen kann, und ist viel edler als ‹Jungfrau›. Dass der Mensch Gott in sich empfängt, das ist gut, und in dieser Empfänglichkeit ist er Jungfrau. Dass aber Gott fruchtbar in ihm werde, das ist besser; denn Fruchtbarwerden der Gabe, das allein ist Dankbarkeit für die Gabe, und da ist der Geist Weib in der wieder gebärenden Dankbarkeit, wo er Jesum wiedergebiert in Gottes väterliches Herz.»4
Hier haben wir den wesentlichen Unterschied zwischen dem Verständnis und der Zuordnung des Geistes durch Ken Wilber und durch die christliche Spiritualität.

Wenn wir uns der Sophia, dem Bewusstsein, annähern wollen, so müssen wir auf demWeg der Entwerdung alle unsere ‹Kleider› ablegen und ‹nackt› vor dem Tor des Saturns stehen. Doch um vor das Angesicht des Christus zu treten, ihn mit unseremWesen zu umarmen, können wir wieder unsere ‹Kleider› anziehen, können kommen, wie wir sind. Dadurch werden wir bis in die tiefsten Tiefen unserer Seele umgewandelt und überlassen unsere abgelegten ‹Kleider› nicht den nach uns Kommenden.

Werden in der Zeit
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass ich Ken Wilber, was den Weg der Entwerdung und der daraus sich ergebenden Realisierung des Bewusstseins betrifft, ohne Widerspruch zu folgen vermochte. Sein Verständnis und die Zuordnung dieser Erfahrung kann ich jedoch nicht bestätigen; es bleibt für mich am Ende der Eindruck, dass Wilber zwar von der Sphäre jenseits des Saturns spricht, jedoch vor dem zweiten Tor des Herzens und der damit einhergehenden Erfahrung der wesenhaften Qualität stehen bleibt.
So war es mir wichtig, ohne den Anspruch zu erheben, den ‹ganzen Wilber› behandelt zu haben, seine zentrale Erfahrung des Bewusstseins und deren Zuordnung aufzuzeigen, um sich dadurch dem Verständnis der integralen Vorgehensweise nähern zu können. Denn, wenn wir in dem passiven Zeugen-Bewusstsein als letzte Wirklichkeit verweilen, dann sind alle Erscheinungsformen darin von gleichem Wert, sind nur Illusionen auf der Leinwand des Bewusstseins. Doch haben wir hier keinen Zugang zur Ebene der Qualität und der sich darin offenbarenden geistigen Wesenheiten und somit auch nicht zu dem in der Zeit wirkenden Willen. Wenn auch die individuelle Entwicklung zuerst von der Materie über die Seele zum Geist, dem Bewusstsein des kosmischen Raumes, geht, so wirken in der Materie und im Werden der Zeit höhere Bewusstseinsqualitäten als im Bewusstseins-raum, dem Geist selbst!
Wilber versteht seine ersten Arbeiten, die Ausdruck seines individuellen Weges sind, selbst als teilweise überholt, wodurch sein weiterer Weg, was seine Erkenntnisse und deren Zuordnung zum Ganzen anbetrifft, offen bleiben muss.
Die Arbeit Rudolf Steiners dagegen hat von Anfang an mehr den Charakter einer aus unmittelbarer Anschauung hervorgehenden Erkenntnis, sodass eines seiner Erstlingswerke, zum Beispiel die ‹Philosophie der Freiheit›, nicht als überholt gelten kann und gerade bei Menschen, die sich innerhalb der Anthroposophie den Gedanken Wilbers verbunden fühlen, als eines seiner bedeutendsten angesehen wird.
Doch so wie man Wilber eine individuelle Entwicklung zugesteht, so muss man in der durch Rudolf Steiner sich entfaltenden Anthroposophie eine sich in der Zeit immer mehr offenbarende Weisheit verstehen.

Unvergleichlich
Somit können wir weder Rudolf Steiner noch Ken Wilber gerecht werden, wenn wir die Anthroposophie mit der Vision Wilbers vergleichen. Wilber entwirft Modelle, Rudolf Steiner legt aus der Weisheit heraus Keime der Qualität in den Strom der Evolution und arbeitet mit dem Christus unmittelbar an der zu werdenden Kultur. Das Selbstverständnis und die Wirkungsebenen sind sehr unterschiedlich, was Wilber selbst zum Ausdruck bringt: «Das Beunruhigende dabei ist ja, dass jede Erkenntnis der Tiefe mit einer schweren Bürde befrachtet ist: Wer in den Genuss der Erkenntnis kommt, ist zugleich mit der Pflicht beladen, diese Schau unmissverständlich mitzuteilen: Das ist der
Pakt [...]. Und dies ist wahrhaftig eine furchtbare Last, denn hier ist kein Platz für Ängstlichkeit. Die Möglichkeit, dass man sich irren könnte, gilt einfach nicht als Entschuldigung. Vielleicht verkündet man etwas Richtiges, vielleicht etwas Falsches – es kommt nicht darauf an.»5
Hier offenbart sich eine Haltung, die durchaus auf einer bestimmten Ebene der persönlichen Entwicklung ihre Berechtigung haben mag, doch nicht mit der Dimension des Wirkens Rudolf Steiners verglichen werden kann.

Damit stellt sich mir das Verhältnis von Ken Wilber und Anthroposophie so dar, dass Wilbers Vorstellungen durch die Anthroposophie eine Erweiterung erfahren könnten, während die Anthroposophie nur durch Reduzierung und damit durch Verlust ihrer eigentlichen Qualität und ihres in ihr wirkenden Willens in die Seinigen integriert werden kann.6

1 Ken Wilber: Einfach ‹Das›, Frankfurt a. M. 2002, S. 261.
2 Ken Wilber: Eine kurze Geschichte des Kosmos, Frankfurt a.M. 2007, S. 68 f.
3 A.a.O., S. 69.
4 Meister Eckehart: Deutsche Predigten und Traktate,München 1979, 2. Predigt.
5 KenWilber: siehe Anm. 1, S. 52.


Artikel von Zoran Perowanowitsch Buchvorstellung

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