Das klare Meer der Stille

Teil I

Angesichts der Versuche, die Anthroposophie Rudolf Steiners in die Weltansichten Ken Wilbers zu integrieren, stellt sich die Frage, ob dadurch der eigentliche Kern der Anthroposophie besser aufleuchtet oder ob sie den in ihr liegenden Willensimpuls und ihre Aufgabe zu verlieren droht. Zoran Perowanowitsch versucht aus einer christlichen Spiritualität heraus eine Auseinandersetzung mit Wilbers Erfahrung und Verständnis des Bewusstseins.
Ken Wilber selbst versteht sich als einen ‹spirituellen Denker› und seine Arbeit als Diskussionsbeitrag: «Aber ich möchte auch nicht vergessen hinzuzufügen: Manche Menschen reagieren vielleichtdeshalb negativ auf eine integrale Sichtweise, weil sie falsch ist. Es könnte ja sein, dass diejenigen unter uns, die einer integralen Sichtweise anhängen, sich einfach irren, und dann ist es klar, dass verständige und vernünftige Menschen hierauf negativ reagieren. Es muss nicht zwangsläufig so sein, dass sie sich bedroht fühlen, weil wir Recht haben und sie Unrecht – es könnte auch umgkehrt sein.»,1 so formuliert es Ken Wilber selbst. Die Schwierigkeit, mit der man sich sehr früh bei der Beschäftigung mit Wilbers Gedanken konfrontiert sieht, ist einerseits, dass seine vorliegende Arbeit bereits einen beträchtlichen Umfang hat, der nicht so schnell in seinen einzelnen Aussagen überblickt werden kann; andererseits spicht man in den Kreisen der ‹Wilber-Kenner› in Bezug auf seine frühen Arbeiten und die darin entwickelten Vorstellungen bereits als vom «überholten Wilber».

Weg und Erfahrung
Das 12. Kapitel in seinem Buch ‹Das Wahre, Schöne, Gute› führt Wilber mit folgenden Fragen ein: «Wo sollen wir den Geist ansiedeln? Was können wir wirklich als heilig anerkennen? Wo genau ist der Seinsgrund? Wo ist dieses höchste Göttliche?2 Auf den darauf folgenden Seiten versucht er in meditativer Sprache, diese Fragen in der Tradition der nichtdualen östlichen Weisheit zu beantworten. Zunächst zeigt er auf, dass wir durch die Möglichkeit, uns eines jeden Objektes (zum Beispiel unserer Gedanken, Körperempfindungen oder der vorbeiziehenden Wolken) bewusst werden zu können, wir diese nicht selbst sein können. Wir sind der unberührte «Zeuge» all dieser aufsteige den und vergehenden Prozesse. Im Weiteren stellt Wilber die Frage nach der Natur des «Zeugen» und antwortet: «Dieses schlichte Zeugen-Gewahrsein ist den Traditionen zufolge der Geist selbst, der erleuchtete Geist, die Buddha-Natur selbst, Gott selbst in seiner Gänze.
Den Traditionen zufolge ist es also nicht sonderlich schwierig, Kontakt mit dem Geist, mit Gott oder dem erleuchteten Geist zu erlangen. Dies ist einfach das eigene Zeugen-Gewahrsein in genau diesem Augenblick.»3
Und da die Natur des Geistes die gegenwärtige Präsenz selbst ist (unser in jedem Augenblick seiendes Gewahr-Sein aller inneren und äußeren Vorgänge), kann der Geist nicht irgendwo gefunden werden. In der Realisierung dieses Bewusstseins verschwindet, so Wilber, die Empfindung eines getrennten Ich vollständig und «man ist nicht auf dieser Seite seines Anlitzes und schaut auf den Berg da draußen; man ist alles, was von Augenblick zu Augenblick entsteht, ganz einfach, ganz klar, einfach so.»4
Die höchste Wirklichkeit, die wir nicht sehen können, da wir sie ja unserer Natur nach selbst sind, beschreibt Wilber im Weiteren folgendermaßen: «Der Geist ist kein Objekt; er ist radikales allgegenwärtiges Subjekt und daher nichts, was vor uns wie ein Stein, ein Bild, ein Gedanke, ein Licht, eine Empfindung, eine Erkenntnis, eine leuchtendeWolke, eine intensive Schau oder eine Empfindung großer Seligkeit auftauchen würde. All dies ist recht und schön – aber es sind Objekte, und eben dies ist der Geist nicht. Wenn man also im Zeugen ruht, sieht man nichts Besonderes. Der wahre Seher ist nichts, was man sehen kann, weshalb man einfach damit beginnt, seine Identifikation mit jeglichen Objekten aufzugeben. [...] Anblicke ziehen in der Natur vorbei, Gedanken ziehen im Geist vorbei, Gefühle ziehen im Körper vorbei, und ich bin nichts davon. Ich bin kein Objekt. Ich bin der reine Zeuge aller dieser Objekte. Ich bin Bewusstsein als solches.»5
Zusammenfassend können wir also feststellen, dass für Wilber das Bewusstsein selbst der göttliche allgegenwärtige Geist jenseits aller Polarität ist. Der innere Weg zu diesem Bewusstsein ist, so Wilber, der der Entwerdung, also der Loslösung des Ich aus der Identifikation mit den Objekten.
In den Predigten des christlichen Mystikers Meister Eckehart finden wir die folgende Stelle:
«Du musst wissen, dass sich noch nie ein Mensch in diesem Leben so weitgehend gelassen hat, dass er nicht gefunden hätte, er müsse sich nochmehr lassen. Der Menschen gibt eswenige, die das recht beachten und darin beständig sind. Es ist ein gleichwertiger Austausch und ein gerechter Handel: So weit du ausgehst aus allen Dingen, so weit, nicht weniger und nicht mehr, geht Gott ein mit all dem Seinen, dafern du in allen Dingen dich des Deinen völlig entäußerst. Damit heb an, und lass dich alles kosten, was du aufzubringen vermagst. Da findest du wahren Frieden und nirgends sonst.»6
In diesen Worten folgt Meister Eckehart einem geistigen Schulungsweg, der dem der unterschiedlichen Traditionen, auf die sich Wilber bezieht, entspricht. Im Weiteren stellt Wilber fest, dass im eigentlichen Sinne ein Suchen weder nötig noch möglich ist, denn das Bewusstsein sei nicht etwas von uns Getrenntes, da wir es selbst seien und immer waren.
Auch in dieser Anschauung besteht eine vollkommene Entsprechung zu Eckehart: «Denn, soll der Mensch wahrhaft Armut haben, so muss er seines geschaffenenWillens so ledig sein, wie er’s war, als er (noch) nicht war. Denn ich sage euch bei der ewigen Wahrheit: Solange ihr den Willen habt, den Willen Gottes zu erfüllen, und Verlangen habt nach der Ewigkeit und nach Gott, solange seid ihr nicht richtig arm. Denn nur das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts begehrt.»7

Wolke des Nichtwissens
Eine andere Schrift soll in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben: Es sind die Briefe eines christlichen Mystikers an seinen Schüler, die unter dem Titel ‹Die Wolke des Nichtwissens› be-kannt wurden. Darin wird der Schüler aufgefordert, eine «Wolke des Vergessens» zwischen sich und alle Kreaturen auszubreiten: «Ich nehme kein einziges Geschöpf aus, sei es leiblicher oder geistiger Natur noch ein Wesensmerkmal oder ein Werk irgendeines Geschöpfes, seien sie nun gut oder böse; alle müssen nämlich kurzerhand durch die Wolke des Vergessens verdeckt sein, wenn du dies Werk vollbringst.»8
Auch hier wird wie bei Eckehart der Weg der Entwerdung gegangen, um sich dem Göttlichen zu nähern. Ist der Weg bis zu einem gewissen Grade gegangen worden, beginnt sich eine Verwandlung in der Seele des Menschen zu vollziehen, von dessen Eigenschaften und Zustand Eckehart in seiner zweiten Predigt sagt: «Der von allen fremden Bildern ledig ist, so ledig, wie er war, da er noch nicht war.»9 Hier wird ein vorgeburtlicher Seelenzustand jenseits des Gewordenen geschildert, was Ken Wilber mit folgenden Worten beschreibt: «Wenn ich in diesem schlichten, klaren, allgegenwärtigen Zeugen ruhe, ruhe ich im großen Ungeborenen, im wesenhaften Geist, in der ursprünglichen Leerheit, in unendlicher Freiheit.»10
So können wir in den hier zitierten christlichen Mystikern keinen Widerspruch zu den dargelegten Vorstellungen Wilbers feststellen, im Gegenteil: Die Entsprechungen sind, bis in einzelne Formulierungen hinein, auffallend.

Der Spiegel der Rosenkreuzer
Wenden wir uns jetzt der Weisheit der Rosenkreuzer zu, die einen bedeutenden geistigen Strom innerhalb des esoterischen Christentums darstellt und in der auch die Anthroposophie Rudolf Steiners wurzelt. Auch dort finden wir Erfahrungen, die jenen Wilbers vergleichbar sind. Dabei kann uns ein Zitat des Taoisten Zhuangzi eine Brücke bilden, das Wilber wiedergibt, um von einem anderen Gesichtspunkt die Natur des Bewusstseins zu veranschaulichen:
«Der Vollkommene benutzt den Geist als Spiegel. Dieser ergreift nicht und verwirft nicht, er nimmt auf, aber hält nicht fest.»11
Das Symbol des Spiegels finden wir in zahlreichen Abbildungen der Rosenkreuzer wieder. In der Abbildung 1 sehen wir zum Beispiel die Darstellung des Hermesstabes, bei dem zwischen den Flügeln ein Spiegel zu sehen ist. Zu diesem erhebt sich ein Doppeladler empor. In Abbildung 2 begegnet uns ein ähnliches Motiv, nur dass sich dieses Mal an der Spitze der Achse zwischen Sonne und Mond anstatt eines Spiegels ein Stern befindet.
Das von Wilber beschriebene Bewusstsein jenseits der polaren Anschauung ist ein Thema, mit dem sich die Rosenkreuzerweisheit in unterschiedlichen Darstellungen auseinandersetzt. Die unsere Welt und Anschauung bestimmende Polarität stellen die Rosenkreuzer durch Sonne und Mond, welche den männlichen und weiblichen Seeleneigenschaften entsprechen, dar.Wenn diese überwunden werden, realisieren wir intuitiv das Bewusst-Sein, unser kosmisches Selbst, was durch die Symbole eines Spiegels oder Sternes ausgedrückt wird.
Dazu, dass die Weisheit des Westens und des Ostens zu ähnlichen Erfahrungen gelangt, soll noch eine weitere Darstellung (siehe Abbildung 3) von Georg Gichtel, einem Schüler des christliche Mystikers Jacob Böhmes hinzugezogen werden. ImOsten spricht man von der ‹Tausendblättrigen Lotosblüte› am Scheitel des Hauptes, die den Übergang zu einem erleuchteten Bewusstsein jenseits der Raum-Zeit-Ebene bildet. Die Rosenkreuzer sprechen von der intuitiven Realisierung des Selbst als ‹Bewusstsein jenseits des Saturns›. Dieser wird als siebter Planet in Entsprechung zur ‹Tau-sendblättrigen Lotosblume› wie das siebte Chakra am Scheitelzentrum des Hauptes dargestellt. So bildet der Saturn als der siebte Planet die Grenze unserer gewöhnlichen Raum-Zeit-Ebene.
Die Rosenkreuzer unterscheiden in ihrer Symbolik zwei Ebenen der Betrachtung. Die erste Ebene bezieht sich auf die ‹Natur› des Bewusstseins. In seiner eigenschaftslosen Leere bildet es in jungfräulicher Reinheit den gegenwärtigen Hintergrund und gibt dadurch wie ein Spiegel das Geschaute unverfälscht wieder. Die zweite Ebene dagegen bezieht sich auf den ‹Ort› der Realisierung des Bewusstseins.
Wenn der Rosenkreuzer auf seinem Weg der inneren Entwicklung die Ebenen der sich bewegenden sieben Planeten hindurchgeht und schließlich das Tor des Saturns überwindet, realisiert er intuitiv die ‹Fixsternsphäre›. Diese wird als ein grenzenloses, rein kosmisches, in sich ruhendes Bewusstseinsmeer erlebt und durch den Stern auf der Spitze der vertikalen Achse symbolisiert.
Wilber benützt für die Umschreibung des Bewusstseins die gleichen Begriffe:
«Dieser unermessliche Ozean der Leichtigkeit, diese große Weite der Freiheit, dieses klare Meer der Stille.»12

Einheit der Religionen
Es lassen sich noch mannigfaltige Beispiele innerhalb des esoterischen Christentums aufzeigen, die die Vorstellungen Wilbers und die der östlichen Philosophie in Bezug auf den Weg und das Bewusstsein selbst bestätigen.
Wilber versteht das Bewusstsein jenseits der Objekte als die höchste Realität: «Denn Gott und ich sind eins im allgegenwärtigen Zeugen, der die Wesensnatur des inneren Geistes selbst ist, der genau dasjenige ist, was ich im Zustand meiner Ichseiendheit bin.Wenn ich kein Objekt bin, bin ich Gott (und jedes Ich im ganzen Kosmos kann dies mit ganzem Recht von sich sagen).»13 Und da man diese Erfahrung in jeder großen Religion nachweisen kann, schließt Wilber, «dass wir zu Recht von der ‹transzendierenden Einheit der Religionen› und der Einmütigkeit der ursprünglichen Wahrheit sprechen können».14

An diesem Punkt, der Wertung und Zuordnung dieser Erfahrung des reinen Bewusstseins im Hinblick auf das Verständnis des Göttlichen, unterscheidet sich die Anschauung Ken Wilbers von der der christlichen Spiritualität. Dies soll im zweiten Teil dieses Beitrages aufgezeigt werden.

1 Ken Wilber: Einfach «Das», Frankfurt am Main 2002, S. 132.
2 Ken Wilber: Das Wahre, Schöne, Gute. Geist und Kultur im 3. Jahrtausend, Frankfurt am Main 1999, S. 399 f.
3 A.a.O., S. 407.
4 A.a.O., S. 403.
5 A.a.O., S. 409 f.
6 Meister Eckehart: Deutsche Predigten und Traktate,München 1979, 4.Traktat.
7 A.a.O., 32. Predigt.
8 Die Wolke des Nichtwissens, Einsiedeln 1980, S. 43 f.
9 Siehe Anm. 6, 2. Predigt.
10 Siehe Anm. 1, S. 413.
11 Siehe Anm. 1, S. 411.
12 Siehe Anm. 1, S. 33.
Das14 Ken Wilber: Wege zum Selbst. Östliche und westliche Ansätze zu persönlichem Wachstum, München 1988, S. 13.


Artikel von Zoran Perowanowitsch Buchvorstellung Ken Wilber II

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